Weshalb jeder Mensch wertvoll ist
Wenn du wieder einmal an deinem Wert zweifelst, findest du hier die besten Argumente dafür, dass du wertvoll bist. Sozusagen die Beweise dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.” So lautet der 1. Artikel des deutschen Grundgesetzes.
Es scheint unmöglich und zu kurz gegriffen, über den Wert des Menschen nachzudenken, ohne auf die Dimension der Würde zu sprechen zu kommen. Die Menschenwürde beschreibt den Eigenwert, der jedem Menschen kraft seines Menschseins zukommt, völlig unabhängig von seinen Eigenschaften, seinem Status, seiner Herkunft oder seinen Leistungen. Im Folgenden kann daher davon ausgegangen werden, dass ein Mensch, dem eine unabdingbare Würde zugesprochen wird, auch wertvoll ist.
Viele weitere Staaten und Institutionen haben die Würde des Menschen, und somit seinen Wert, ins Gesetz geschrieben. So postuliert Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der UNO: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft besagt in Artikel 7: „Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.“
Jeder Mensch ist ein Unikat. Auf biologischer Ebene gibt es kein Individuum zweimal, wir alle haben einen einzigartigen genetischen Code. Hinzu kommt die Biografie eines jeden Menschen, die sich von jener aller anderen unterscheidet. Die Kombination dieser biologischen und biografischen Individualität führt dazu, dass es keinen Menschen, auch nur ansatzweise, mehrmals geben kann. Durch seine Einzigartigkeit hat jeder Mensch einen unschätzbaren Wert.
Man könnte einwenden, dass Einzigartigkeit allein noch keinen moralischen Wert begründet. Jedes Kieselsteinchen am Strand hat auch eine mikroskopisch einzigartige Struktur, die nie wiederkehren wird. Doch wir dürfen, um den Wert des Menschen zu beurteilen, nicht nur auf die Gegenwart und die Vergangenheit schauen. Ein Mensch ist niemals nur das, was er im Moment darstellt, sondern die Summe seiner Möglichkeiten. Jeder Mensch trägt ein riesiges Potential in sich. Er besitzt die Fähigkeit zur Selbsterschaffung, Veränderung und Innovation. Da das zukünftige Wirkpotential eines Menschen zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemals abschliessend berechnet werden kann, gebietet es die Logik, jedem Individuum einen intrinsischen Basiswert zuzuschreiben. Den Wert eines Menschen zu negieren, hiesse, eine unendliche Reihe möglicher positiver Zukünfte zu ignorieren.
Selbstverständlich birgt das Potential für eine mögliche Zukunft auch die Möglichkeit zur negativen Ausprägung. Wäre der Wert des Einzelnen jedoch an Bedingungen geknüpft, hätte das schwerwiegende negative Folgen für die Gesellschaft. Dazu weiter unten mehr. Bezogen auf die Einzigartigkeit jedes Menschen dürfen wir die „Vielfalt als Systemvorteil“ nicht ausser Acht lassen. Jeder Mensch ist wertvoll, weil er etwas in unsere Gesellschaft einbringt, das niemand sonst in exakt dieser Form bieten kann. Durch individuelle Stärken und Begabungen werden für die Menschheit als Ganzes komplexeste Vorhaben umsetzbar, wie zum Beispiel eine Landung auf dem Mond oder das Etablieren und Aufrechterhalten von so komplexen Wertschöpfungsketten, wie sie etwa für Computerchips der künstlichen Intelligenz nötig sind.
Ohne Individuum kein Kollektiv. Jeder Mensch ist Teil eines Netzwerkes. Soziologisch betrachtet existiert kein Mensch isoliert. Wir agieren in einem hochkomplexen, arbeitsteiligen System, in dem jede Einheit, unabhängig von ihrer hierarchischen Position, zur Stabilität des Ganzen beiträgt. Der Ausfall scheinbar „unbedeutender“ Glieder in einer Kette kann zum Kollaps des Gesamtsystems führen. Der Wert jedes Einzelnen für den Erhalt der Gesellschaft gibt dem Einzelnen einen grossen intrinsischen Wert.
Würde der Wert des einzelnen Menschen an bestimmte Bedingungen geknüpft (bezogen auf das oben angesprochene Potential, welches jeder Mensch in sich trägt, zum Beispiel an eine positive Entwicklung in der Zukunft), führte dies zu einer destabilisierten Gesellschaft. Ein bedingungsloser Wert des Individuums führt im Gegenzug zu einer stabilen Gemeinschaft. Diese Betrachtung geht auf den Philosophen Immanuel Kant zurück. Wenn der Wert eines Menschen an Bedingungen geknüpft werde, entziehe sich der Mensch selber die Existenzgrundlage, da sich diese Bedingungen ändern könnten. Jeder Mensch kann krank, alt oder unproduktiv werden. Ist der Wert des Menschen in einer Gemeinschaft unabhängig von Bedingungen, also bedingungslos, stabilisiert dies das System, da jedes Individuum die Sicherheit hat, von der Gesellschaft geschützt und unterstützt zu werden.
Den Gedanken etwas weiter getragen, könnte man argumentieren, dass unsere Gesellschaft ohne das Anerkennen des intrinsischen Wertes jedes Menschen zusammenbrechen würde. Der Wert eines jeden Menschen ist für die Gesellschaft also unabdingbar. Drei Beispiele: 1. Wenn Rechte täglich neu „verdient“ werden müssten, wären wir von Rechtssicherheit weit entfernt. 2. Wenn Kranke weniger wert wären, würden sie womöglich ihr Recht verlieren, behandelt zu werden. 3. Der soziale Friede wäre gefährdet, wenn wir permanent um Akzeptanz, Status und Relevanz kämpfen müssten. Eine Grundakzeptanz ermöglicht Kooperation.
Man könnte nun anmerken, dies sei kein Beweis für die Wahrheit des Wertes, sondern nur für seine Nützlichkeit. Doch wenn jemand für sich selbst beansprucht, einen Wert zu besitzen oder Rechte zu haben (zum Beispiel im Krankheitsfall gepflegt zu werden), muss diese Person das auch auf alle anderen Menschen generalisieren. Dies ist das einzig logisch konsistente Vorgehen. Man spricht hier von der Moralischen Symmetrie. Der Gedanke besteht aus drei Schritten: 1. Ich erkenne an, dass ich selber einen Wert habe (da ich sonst keinen Anspruch auf Schutz oder Respekt erheben könnte). 2. Die Basis meines Wertes ist meine Eigenschaft als empfindungsfähiges, bewusstes Wesen. 3. Da diese Eigenschaft (das Menschsein) bei allen anderen Menschen ebenfalls vorliegt, wäre es logisch inkonsistent und ein Widerspruch, mir selbst Wert zuzusprechen, ihn anderen aber abzusprechen (oder umgekehrt). Daraus folgt: Wert ist keine Variable, sondern eine Konstante für alle Mitglieder der Gattung Mensch.
Das in dieser Betrachtung letzte, und vielleicht stärkste Argument dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist, geht wieder auf Immanuel Kant zurück. Es wird daher auch die Kantische Würde genannt. In der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ argumentiert er, dass alles entweder einen Preis oder eine Würde hat. Dinge, die austauschbar sind und durch ein Äquivalent ersetzt werden können, haben einen Preis (Marktwert). Ein Mensch hingegen ist ein Zweck an sich selbst und niemals bloss ein Mittel zum Zweck. Der Gedanke dahinter ist der folgende: Wenn wir einem Menschen seinen Wert absprechen, weil er „nicht nützlich“ ist, kategorisieren wir ihn als Objekt (Ware). Da der Mensch jedoch das Subjekt ist, das Werten überhaupt erst ermöglicht, ist es ein logischer Fehler, das wertsetzende Subjekt nach den Massstäben der von ihm geschaffenen Objekte zu bewerten. In anderen Worten: Wir Menschen geben Dingen einen Wert. Es wäre daher absolut unlogisch, uns selbst keinen Wert beizumessen.
Wenn du also das nächste Mal an deinem Wert zweifelst, erinnere dich gerne daran: Du bist das Subjekt, das dieser Welt überhaupt erst Bedeutung verleiht. Du musst dir deinen Wert nicht verdienen, du besitzt ihn bereits.